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30 Mai 2005

Vor dem Schreiben "Sprache" tanken

Sicher kennen Sie die folgende Situation: Ihr Brief, Ihre E-Mail oder Ihr Werbetext soll individuell, modern - einfach "knackig" werden - Sie wollen weg von dem üblichen Blabla und bloß keine der nichts sagenden Floskeln verwenden!

Doch nach 10 Minuten ist der Frust groß: Irgendwie ist da eine Blockade im Kopf - Sie können nur die klassischen Standardsätze "denken". Formulierungen wie: "Wie mit Ihnen besprochen" oder "Vielen Dank für Ihre Nachricht" verhindern jeden kreativen Ansatz.

Keine Sorge - so geht es manchmal auch Profis! Was tun? Ein guter Tipp kommt von Daniel Perrin, einem Schweizer Journalisten ...

Perrin_kleinTanken Sie Sprache, bevor Sie schreiben. Genießen Sie eine Seite ansteckender „Literatur“. Wenn Sie über amtliche Verlautbarungen gegähnt, mit juristischen Begriffs-klaubereien gekämpft haben, durch werbesprachliche Wortsümpfe gewatet sind oder technische Dokumentationen gewöhnt sind, dann fällt Ihnen zum Beispiel das Schreiben eines Briefes sicher schwerer. „Die Sprache dieser Quellen kleckert aus Ihrer Feder oder kullert in Ihre Tasten“, wenn Sie gleich nach dem Lesen solcher schwerfälligen Texte selbst zu schreiben beginnen. Baden Sie dagegen kurz in kleinen Gedichtbänden von Morgenstern, Kästner oder Wilhelm Busch – schreiben Sie wieder mit Sinn und Sinnen.

Legen Sie sich deshalb einige Gedichtbände dieser Autoren (oder anderer) auf den Schreibtisch. Sammeln Sie fröhliche, außergewöhnliche Briefe und gute Beispiele anderer Textsorten und lesen Sie diese durch, bevor Sie selbst zu schreiben beginnen. Auch Comics und – man staune – die Bildzeitung  sind eine gute Lektüre vor dem Schreiben.
Was haben Sie davon?
Die Sprache eines eben gelesenen Texts klingt in Ihrer eigenen Schreibsprache nach. Kindliches Sprachlernen ist zu einem guten Teil Imitationslernen. Wir kommen zur Sprache und später zu Fremdsprachen unter anderem durch Nachplappern; das Hirn saugt, salopp gesprochen, Sprache auf und gibt sie wieder. Dieses unbewusste Imitationslernen geht nie ganz verloren und lässt sich nicht ausschalten – wohl aber produktiv nutzen.
Arbeiten Sie mit der Tank-Technik, so fließt automatisch Sprachwitz in Ihre Tasten.

Aus: Daniel Perrin. Schreiben ohne Reibungsverlust: Schreibcoaching für Profis. Werd Verlag 1999.

Kommentare

Toller Tip! Ist bestimmt auch für wissenschaftliches Schreiben anzuwenden, ein paar Texte bereit halten, die richtig gut geschrieben sind.
Gruß Uschi

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