Gestern sagte eine Seminarteilnehmerin zu mir "Danke für Ihr Lob, aber mir wäre lieber, sie würden mich kritisieren." Überrascht fragte ich: "Warum?". Ihre Antwort: "Weil ich nur durch Kritik vorankomme". Ist das tatsächlich so? Vera Birkenbihl berichtet in ihrem Power-Tag von einer Studie in Amerika:
"An einer amerikanischen Universität hatte sich ein Club von Studenten gebildet, die alle vorhatten, später schriftstellerisch zu arbeiten. Sie beschlossen, sich während der vier Studienjahre einmal wöchentlich zu treffen, um sich ihre Artikel und Kurzgeschichten usw. gegenseitig vorzulesen und sich Feedback zu geben. Dabei wurde gnadenlos "rezensiert" ("echt harte" Kritiken, sprachlich brilliant formuliert usw.).
Bald hatte sich an derselben Uni eine ähnliche Gruppe von potentiellen Schriftstellerinnen (mit derselben Zielsetzung) gebildet. Auch sie trafen sich wöchentlich, um sich gegenseitig Feedback zu geben. Normalerweise wäre uns nicht bekannt, wie sich diese Studenten und Studentinnen nach dem Studium entwickelt haben, aber in diesem Fall hat die Universität 20 Jahre später verfolgt, wie sich ein Teil ihrer Student/innen (mit guten Noten) entwickelt haben. Im Zuge dieser Untersuchung wurden auch die beiden schriftstellerischen Clubs unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war verblüffend:
Aus der Männergruppe hat sich später kein einziger beruflich schriftstellerisch betätigt. Das erstaunte die Forscher, denn erstens hatten alle in der Gruppe vorgehabt, professionell schriftstellerisch zu arbeiten (ob als Werbetexter, freier Schriftsteller, Drehbuchautor oder Zeitungsredakteur). Zweites hatten sie ja vier Jahre lang jede Woche durchgehalten (d.h. Texte produziert und sich der "konstruktiven Kritik" der Kommilitonen gestellt, was sicher nicht immer leicht gewesen war). Also hätte man eigentlich erwartet, daß vielleicht in den zwei Jahrzehnten einige bekannte Autoren aus der Gruppe hervorgehen würden. Aber es war nicht einer! "(Erinnerung: Sie hatten sich gegenseitig nur kritisiert und sich sprachlich höchst originell und professionell formuliert, in der Luft zerissen).
Die Frauengruppe hatte sich gegenseitig ganz anders "kritisiert" [...]. Sie hatten einander wenig "konstruktive Kritik", dafür aber viel Unterstützung, Ermutigung und viel Lob gegeben. Mit welchem Resultat? Antwort: Aus der Frauengruppe sind sechs (in den USA) sehr bekannte Schriftstellerinnen hervorgegangen. Drei von ihnen haben Beststeller geschrieben. Einige weitere wurden zwar nicht so berühmt, leben aber seit Jahren erfolgreich voll- oder freiberuflich vom Schreiben. Sie decken das gesamte Spektrum schriftstellerischer Tätigkeiten ab.
Ich finde das vor allem deshalb so interessant, weil neuere psychologische Forschungen immer klarer zeigen, daß wir nicht so sehr durch Fehler-Analyse und Kritik besser werden, sondern weit besser und schneller lernen, wenn gute Modelle vorhanden sind, die wir bewußt (oder unbewußt) imitieren können."
Aus: Das Power-Lesebuch.Strategien für mehr Erfolg und Lebensqualität. Vera F. Birkenbihl u.a., mvg Verlag, 2000.
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